Das Unbewusste
Die drei Arten des Unbewussten in der Reflexionsphilosophie
Das Unbewusste als Begleitphänomen des Bewusstseins
Die drei Arten des Unbewussten und ihre Beziehungen
Nach der Reflexionsphilosophie von Johannes Heinrichs
Der Bereich expliziter Bewusstheit
Körperliche Prozesse und Grundtriebe
Implizites Selbstbewusstsein und Träume
Kollektive Annahmen und Strukturen
Universaler Sinnhorizont und Intuition
Das Konzept des Unbewussten spielt in der Reflexionsphilosophie eine zentrale Rolle, wird aber differenzierter gefasst als in vielen psychologischen Theorien. Es wird nicht als dem Bewusstsein völlig Fremdes oder als reiner Speicher verdrängter Inhalte gesehen, sondern als notwendiges Begleitphänomen und Voraussetzung des Bewusstseins. Kein menschliches Bewusstsein existiert ohne seine “Schatten” des Unbewussten.
“Bewusstsein ist ein dialektischer Begriff. Es gibt für den Menschen nicht Bewusstsein ohne Unbewusstes.”
Johannes Heinrichs entwickelt ein Modell, das drei grundlegend verschiedene Arten des Unbewussten unterscheidet, die der anthropologischen Triade Körper-Seele-Geist entsprechen:
- Das physische Unterbewusste (Körperbezug)
- Das seelische Unbewusste (als implizites Bewusstsein; Seelenbezug)
- Das geistige Überbewusste (Geistbezug/Medialer Bezug)
Diese Dreiteilung entspricht der grundlegenden ontologischen Differenzierung in Körper, Seele und Geist und geht über Freuds Modell des Unbewussten hinaus, das sich hauptsächlich auf verdrängte Triebregungen bezieht.
1. Das physische Unterbewusste: Die körperliche Basis
Das physische Unterbewusste und seine Manifestationen
Die körperlichen Prozesse, die automatisiert ablaufen
- Vegetative Funktionen — Atmung, Herzschlag, Verdauung, Stoffwechsel
- Bewegungskoordination — Automatisierte Bewegungsmuster, Gleichgewicht
- Grundtriebe — Hunger, Durst, Sexualität, Bewegungsdrang
- Biorhythmen — Schlaf-Wach-Rhythmus, zirkadiane Rhythmen
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Beschreibung: Umfasst alle körperlichen Prozesse, die automatisiert ablaufen, aber prinzipiell ins Bewusstsein gehoben oder beeinflusst werden können. Es ist die unbewusste Dimension unserer Leiblichkeit.
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Inhalte: Automatisierte Körperfunktionen (Atmung, Herzschlag, Verdauung etc.), Instinkte, Reflexe, biologische Rhythmen, implizites Körperwissen (Gleichgewichtssinn, Propriozeption). Sitz der vier Grundtriebe (Nahrung, Bewegung, Sexualität, Orientierung).
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Beziehung zum Bewusstsein: Partiell zugänglich und beeinflussbar durch Praktiken wie Atemübungen, Biofeedback, Körperwahrnehmung. Störungen manifestieren sich oft psychosomatisch.
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Ort im 3-Kreise-Modell: Primär im “reinen” Körperbereich (K1) und den Überschneidungen mit Seele (K2/S2) und Geist (K4/G2).
Alltagsbeispiel: Stellen Sie sich vor, wie Sie Fahrrad fahren. Die komplexen Bewegungen zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, die Koordination von Treten und Lenken – all das läuft weitgehend automatisch ab, sobald Sie es einmal gelernt haben. Es handelt sich um körperliches Wissen, das nicht bewusst repräsentiert sein muss, aber prinzipiell ins Bewusstsein gehoben werden kann, wenn Sie etwa einem Anfänger erklären, wie man Fahrrad fährt.
2. Das seelische Unbewusste als implizites Bewusstsein
Das seelische Unbewusste und seine Manifestationen
Die implizite Selbstreflexion, die dem expliziten Bewusstsein zugrunde liegt
- Implizites Selbstbewusstsein — Das grundlegende 'Ich bin', das allem Erleben zugrunde liegt
- Emotionales Gedächtnis — Gefühlsmäßige Erinnerungen und affektive Muster
- Traumbewusstsein — Die Bilderwelt und Symbolsprache der Träume
- Implizite Kompetenzen — Nicht-explizite Fähigkeiten und 'Know-how'
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Beschreibung: Dies ist eine zentrale Innovation von Heinrichs. Es ist nicht primär das Verdrängte (wie bei Freud), sondern die implizite, begleitende Selbstreflexion (reflexio concomitans), die dem expliziten Bewusstsein zugrunde liegt und es trägt. Es ist das “vorbewusste Ich” oder das implizite Wissen um sich selbst, das Thomas von Aquin als “reditio completa in seipsum” bezeichnet hat.
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Inhalte: Gelebte Reflexion, implizites Wissen, intuitive Kompetenzen, emotionales Gedächtnis, affektive Muster, Kern der personalen Identität, Selbstbild, Bilderwelt der Träume und Imagination.
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Beziehung zum Bewusstsein: Dialektisch. Es ist die Voraussetzung expliziter Reflexion, bildet den Hintergrund für Bewusstheit und kann teilweise expliziert (bewusst gemacht) werden, bleibt aber als Ganzes unverfügbar.
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Ort im 3-Kreise-Modell: Primär im “reinen” Seelenbereich (S1, Kausalseele/Reines Selbstbewusstsein) und der zentralen Überschneidung (K3/S3/G3, Erlebnisseele/Astralkörper). Träume sind ein wichtiger Zugang.
Alltagsbeispiel: Während Sie diesen Text lesen, haben Sie ein implizites Wissen davon, dass Sie es sind, der liest und versteht. Sie müssen nicht nachdenken: “Ich lese jetzt” – dennoch ist diese Ich-Gegenwart die Bedingung dafür, dass das Lesen als Ihr Erlebnis möglich ist. Diese implizite Selbstgegenwart ist keine nachträgliche Reflexion, sondern die ursprüngliche Form des Selbstbewusstseins.
3. Das geistige Überbewusste: Teilhabe am universalen Sinn
Das geistige Überbewusste und seine Manifestationen
Teilhabe am überindividuellen, universalen Sinnmedium
- Logische Strukturen — Implizite Befolgung geistiger Regeln und Gesetzmäßigkeiten
- Archetypen — Kollektive Urbilder und Grundmuster im Sinne C.G. Jungs
- Kreative Inspiration — Intuitive Einsichten und 'Aha-Erlebnisse'
- Spirituelle Erfahrungen — Mystische Erlebnisse und Teilhabe am Universellen
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Beschreibung: Eine weitere spezifische Kategorie bei Heinrichs. Es umfasst transpersonale, überindividuelle Dimensionen des Geistes/Sinnmediums, an denen das individuelle Bewusstsein unbewusst teilhat. Es entspricht teilweise dem kollektiven Unbewussten bei C.G. Jung.
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Inhalte: Unbewusste Befolgung geistiger Regeln (Grammatik, Logik), Archetypen und kollektives Unbewusstes (im Sinne C.G. Jungs), intuitive Einsichten, höhere Erkenntnisse, transpersonale Werte, Zugang zum Sinnmedium.
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Beziehung zum Bewusstsein: Wirkt wie ein umfassender Horizont, aus dem Sinngehalte ins individuelle Bewusstsein einströmen. Ermöglicht Teilhabe an Kultur, Inspiration, Kreativität und transpersonalen Erfahrungen. Manifestiert sich in “Aha”-Erlebnissen, Synchronizitäten, mystischen Erfahrungen, tiefen ethischen Intuitionen.
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Ort im 3-Kreise-Modell: Primär im “reinen” Geistbereich (G1, Logosbewusstsein) und den Überschneidungen mit Seele (G4/S4, Kosmisches Bewusstsein) und Körper (K4/G2, Mentalkörper).
Abgrenzung zu Freud und Jung
- Freud: Fokussiert auf das Unbewusste als Ort verdrängter (primär sexueller) Triebe und Konflikte. Heinrichs’ seelisches Unbewusstes ist primär implizites Bewusstsein, nicht nur Verdrängtes. Sein Konzept ist breiter und umfasst auch positive, kreative und geistige unbewusste Dimensionen.
- Jung: Sein Konzept des kollektiven Unbewussten mit den Archetypen entspricht am ehesten Heinrichs’ geistigem Überbewussten. Heinrichs integriert dies, betont aber stärker die individuelle Reflexionsfähigkeit und die dynamische Wechselwirkung der drei Unbewusstseinsarten.
Das gesellschaftliche Unbewusste
Heinrichs überträgt das Konzept auch auf soziale Systeme. Das gesellschaftliche Unbewusste bezeichnet die impliziten Strukturen, Normen, Werte und Verdrängungen, die soziale Prozesse prägen, ohne den Akteuren voll bewusst zu sein:
- Nicht reflektierte kulturelle Annahmen
- Kollektive Traumata und Verdrängungen
- Implizite Machtstrukturen
- Unbewusste Prägungen durch gesellschaftliche Subsysteme (Wirtschaft, Politik, Kultur, Grundwerte)
Bewusstwerdung und Reflexion dieser kollektiven unbewussten Muster sind für eine Weiterentwicklung der Gesellschaft notwendig.
Das differenzierte Modell der drei Unbewusstseinsarten ermöglicht ein tieferes Verständnis der komplexen Wechselwirkungen zwischen Körper, Seele, Geist und sozialem Kontext, jenseits reduktionistischer oder rein triebbasierter Ansätze.
Weiterführende Literatur
Alle genannten Werke sind bei Reflexivity Press erhältlich.
- Gelebte Reflexion — Johannes Heinrichs
- Integrale Philosophie — Johannes Heinrichs