Handlung als philosophisches Grundproblem

Die Handlungstheorie ist ein zentraler Bestandteil der Reflexionsphilosophie, da Handeln die Art und Weise ist, wie das Subjekt aktiv in der Welt wirkt und sich selbst realisiert. Johannes Heinrichs kritisiert den Mangel an Systematik in traditionellen Handlungstheorien und entwickelt stattdessen eine umfassende Typologie.

Handlungen sind “subjektgeleitete, aktive Sinnvollzüge, die Wirklichkeit verändern (wollen) und ereignishaft-intentional ausgrenzbar sind”.

Entscheidend ist die subjektive Intentionalität und die Veränderung von Wirklichkeit. Handeln ist somit immer praktische Reflexion.

Die vier Handlungsstämme (Gattungen)

Basierend auf den vier Sinnelementen, denen sich das Handeln primär zuwendet, unterscheidet Heinrichs vier grundlegende Handlungsstämme oder Gattungen:

  1. Objektbezogenes Handeln (Es/früher O):

    • Fokus: Veränderung der physisch-gegenständlichen Welt.
    • Beispiele: Dinge bearbeiten, bauen, transportieren, Landwirtschaft, Handel treiben.
  2. Innersubjektives Handeln (Ich/früher Ss):

    • Fokus: Veränderung der eigenen Subjektivität (des Handelnden selbst).
    • Beispiele: Sich entscheiden, lernen, denken, körperliche oder triebhafte Prozesse regulieren, Sinn entwerfen.
  3. Soziales Handeln (Du/früher So):

    • Fokus: Veränderung des sozialen Gegenübers oder der Beziehung zu ihm. Orientierung am (erwarteten) Verhalten anderer.
    • Beispiele: Pflegen, zwingen, konkurrieren, kommunizieren, vereinbaren, herrschen/dienen.
  4. Ausdruckshandeln (M):

    • Fokus: Veränderung bzw. Gestaltung von Sinnmedien zum Zweck des Ausdrucks.
    • Beispiele: Schmücken, gestalten (plastisch/bildhaft), symbolisieren, inszenieren, Mimik/Gestik, Rituale, Zeichenhandeln (inkl. Sprache).

Diese vier Gattungen sind die Basis für die weitere Differenzierung.

Das “Periodische System der Handlungsarten”

Heinrichs’ zentrale Innovation ist die Entwicklung einer systematischen Typologie, die er analog zum Periodensystem der chemischen Elemente versteht. Ziel ist eine vollständige, logisch abgeleitete Ordnung aller möglichen menschlichen Handlungsarten.

Die Methode hierfür ist die Dialektische Subsumtion: Jede der vier Handlungsgattungen wird ihrerseits nach den vier Reflexionsstufen (O, Ss, So, M) in vier Handlungsarten untergliedert. Dies ergibt 16 Handlungsarten.

graph TD
    subgraph Handlungssystem [Handeln]
        H1("1. Objektbezogen (Es/früher O)") --> H1_1("1.1 Objektveränderung");
        H1 --> H1_2("1.2 Bewegung");
        H1 --> H1_3("1.3 Arbeit");
        H1 --> H1_4("1.4 Handel");

        H2("2. Innersubjektiv (Ich/früher Ss)") --> H2_1("2.1 Körperbezogen");
        H2 --> H2_2("2.2 Selbstdetermination");
        H2 --> H2_3("2.3 Vorentscheidungen");
        H2 --> H2_4("2.4 Sinnentwürfe");

        H3("3. Sozial (Du/früher So)") --> H3_1("3.1 Behandeln");
        H3 --> H3_2("3.2 Strategisch");
        H3 --> H3_3("3.3 Kommunikativ");
        H3 --> H3_4("3.4 Normbezogen");

        H4("4. Ausdruck (M)") --> H4_1("4.1 Ausdrucksobjekte");
        H4 --> H4_2("4.2 Mimik/Gestik");
        H4 --> H4_3("4.3 Gemeinschaftsausd.");
        H4 --> H4_4("4.4 Zeichenhandeln");
    end
    style H1 fill:#87ceeb,stroke:#333;
    style H2 fill:#f9d58b,stroke:#333;
    style H3 fill:#e88989,stroke:#333;
    style H4 fill:#d3a7d3,stroke:#333;

Dieser Prozess setzt sich fort:

  • Jede der 16 Arten wird in 4 Handlungstypen untergliedert (insgesamt 64 Typen).
  • Jeder der 64 Typen wird in 4 Handlungsklassen untergliedert (insgesamt 256 Klassen).

(Eine vollständige Darstellung aller 256 Klassen findet sich im Anhang des Buches “Handlungen”).

Beispiel für tiefere Gliederung (Zeichenhandeln 4.4):

  • Art: 4.4 Zeichenhandeln
    • Typ 4.4.1: Zeichenobjekte
      • Klasse 4.4.1.1: Bildhafte Objekte
      • Klasse 4.4.1.2: Bewegte Zeichenobjekte
      • Klasse 4.4.1.3: Kodierte Zeichen
      • Klasse 4.4.1.4: Wertzeichen
    • Typ 4.4.2: Gestische Zeichen
    • Typ 4.4.3: Zeichenhandeln durch Regelverhalten
    • Typ 4.4.4: Metazeichenhandeln

Bedeutung der Handlungstheorie

  • Systematik: Schafft erstmals eine umfassende, logisch abgeleitete Ordnung der menschlichen Praxis.
  • Begriffliche Klarheit: Definiert Handlungsarten präzise und grenzt sie voneinander ab.
  • Integration: Verbindet physisches, mentales, soziales und expressives Handeln in einem System.
  • Grundlage für andere Disziplinen: Bietet eine differenzierte Basis für Ethik, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Recht etc…
  • Selbsterkenntnis: Fördert das Bewusstsein über die Vielfalt und Struktur des eigenen Handelns.
  • Kritik: Stellt reduktionistische Handlungsmodelle (z.B. reiner Zweckrationalismus, Behaviorismus) in Frage.

Die Handlungstheorie ist somit nicht nur eine Klassifikation, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der strukturierten Freiheit und der vielfältigen Weisen, wie das Subjekt sich in der Welt verwirklicht.


Weiterführende Literatur

Alle genannten Werke sind bei Reflexivity Press erhältlich.