Dieses Glossar umfasst die zentralen Begriffe der Reflexionsphilosophie nach Johannes Heinrichs, basierend auf seinem Werk Dialektik als Reflexionslogik (2025). Die Reflexionsphilosophie entwickelt eine systematische Lehre von den selbstbezüglichen Strukturen des Bewusstseins und der Wirklichkeit.

Über diese Terminologie

Die hier verwendete Terminologie folgt dem System der vier Sinnelemente (Es, Ich, Du, Medium) und der dialektischen Subsumtion. Diese Begriffe sind nicht willkürlich gewählt, sondern ergeben sich aus der reflexiven Struktur des Selbstbewusstseins selbst.

Hinweise zur Benutzung:


Algorithmus

Heißt gewöhnlich ein schematisches, automatisierendes Rechenverfahren. Als solches, als Formalismus, hat es im dialektischen Denken eigentlich keinen Platz, anders als in der formalen Logik und in der Mathematik. Der einzige Algorithmus, der sogar grundlegend und kennzeichnend für die hier dargelegte Auffassung von Dialektik steht, ist die vom Verf. so genannte dialektische Subsumtion. Im Unterschied zur gängigen formalen Subsumtion des Speziellen unter allgemeine Bestimmungen beinhaltet er die sich wiederholende Subsumtion der allgemeinsten Bestimmungen, hier der Sinnelemente, unter jedes von ihnen, also die Subsumtion des Allgemeinen unter das Besondere.

Antinomie

Logische Antinomie oder das logische Paradox beruht auf der Nicht-Beachtung der inneren Selbstbezüglichkeit. Antinomisch sind jene Aussagen, welche, wahr seiend, falsch sind; und falsch seiend, wahr sind.

Aufhebung

Der erste, der das Aufheben im dreifachen Sinne explizit schriftlich eingeführt hat, war der Hegel-Kenner Johann Eduard Erdmann, in seinem Buch Logik und Metaphysik von 1841. Speziell die spirituelle ‚Auslöschung’ des Ich kann nur verstanden und akzeptiert werden im Sinne seiner ‚Aufhebung’ im dreifachen hegelschen Sinne:

  1. Überwindung des egohaften Eigensinns (tollere)
  2. Bewahrung der positiven Funktion des Ich als unersetzliches Aktivitätszentrum (conservare)
  3. Erhebung der Ichfunktion zu reiner Rezeptivität gegenüber dem unendlichen Medium (elevare)

Bewusstsein

Ist – unerkannterweise – selbst schon ein dialektischer Begriff, da untrennbar von den Formen des Unbewussten, die nichts anderes als Schatten-Formen des Bewusstseins sind.

Bewusstsein zeigt vier verschiedene Zustände:

  1. Das Wachen mit der äußeren Erfahrung, die durch die Sinne vermittelt wird
  2. Die Welt der Reflexion - der gedanklichen Assoziationen, die auf der Sprache fußen
  3. Die Welt des Traumes, wo sich Vorstellungen eigenständig bilden und der Mensch gleichsam Zuschauer seiner selbst wird
  4. Die Welt des Tiefschlafes, der Abwesenheit von Bewusstseinsinhalten, welcher Zustand dem des Todes verschwistert erscheint

Coincidentia oppositorum

Zusammenfall der Gegensätze: insbesondere, dass gerade die reflexive Punktualität des Selbstvollzugs das geistige Universum eröffnet. Diese „inkarnatorische" Einheit zeigt die Untrennbarkeit des punktuellen, individuellen Selbstvollzugs von der Eröffnung des universalen Sinnmediums.

Dialektik

Dialektik ist das Denken in Gegensatz-Einheiten. Dialektisches Denken erfasst Gegensätze in ihrer Einheit. Dialektik wird hier erkenntnistheoretisch als Denken in Gegensätzen bzw. als Aufdecken ontologischer Gegensätze und als Geschehen in Gegensätzen definiert.

Dialektische Subsumtion

Das Prinzip der dialektischen Subsumtion ergibt sich bei sorgfältiger Rekonstruktionsarbeit im Dialog von Begriff und Erfahrung aus der reflexiven Spiegelungs-Struktur der Wirklichkeit selbst. Die gliederungsmäßige Entfaltung (Untergliederung) ist keine bloße Verzweigung oder Aufspaltung, sondern eine fraktale: Bei jeder neuen Differenzierung wird die ursprüngliche Hauptgliederung mit neuem Inhalt wiederholt.

Im Unterschied zur gängigen formalen Subsumtion beinhaltet sie die sich wiederholende Subsumtion der allgemeinsten Bestimmungen (Sinnelemente) unter jedes von ihnen. Dies führt zu einer fraktalen Gliederung von ontologischer Tragweite.

Erkenntnisfunktionen

Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Intuieren, sekundär auch Phantasie und Gedächtnis, sind allesamt nichts als Reflexionsstufen des grundlegend dialektischen Selbstbezugs-im-Fremdbezug, samt ihrer wechselseitigen dialektischen Subsumtion, also der fraktalen Untergliederung dieser gestuften Erkenntnisfunktionen durch ihre Hauptgliederung.

Es

Eines der vier Sinnelemente. Das Es steht für die Materialität und Objektivität der Erfahrung. Es bezeichnet das präpersonale, körperlich-materielle Moment der Wirklichkeit, das sich in der dialektischen Subsumtion als notwendiges Element in alle anderen Bereiche einfaltet.

Explizite Reflexion

Die explizite Reflexion ist ein Akt, in dem die ursprüngliche Selbstbezüglichkeit ausdrücklich zum Thema wird. Sie ist notwendig nachträglich, denn sie setzt das voraus, worauf sie sich bezieht. Allgemeiner: alles Nach-denken im Sinne der nachträglichen und ausdrücklichen Besinnung.

Im Gegensatz zur impliziten Reflexion, die das ursprüngliche Leben des Bewusstseins selbst ist.

Gegenseitigkeit/Reziprozität

Ist in reflexionstheoretischer Hinsicht ein anspruchsvolles, zu selten und zu wenig beachtetes Konzept. Es geht gerade nicht um eine einfache Intentionalität (Stufe 1), auch nicht nur um faktische Gegenseitigkeit (strategische Stufe 2), sondern um kommunikative Gegenseitigkeit (Stufe 3), wo ich mir die Wünsche und Erwartungen des/der Anderen zu eigen mache.

Die kommunikative Gegenseitigkeit besteht in der ständigen Wahrung der freien Gegenseitigkeit. Sie führt zur metakommunikativen Ebene (Stufe 4), die normsetzend und voraussetzungsvoll ist, insofern alle Beteiligten aus dem allgemeinen Sinnmedium schöpfen.

Geistlogik

Idee einer Geistlogik jenseits der Dialektik als Seelenlogik sowie der mathematischen Körperlogik. Geistlogische Paradoxe unterscheiden sich von den logischen Antinomien durch die Anerkennung der fundamentalen Selbstbezüglichkeit.

Musterbeispiel: „Vom Größten nicht bezwungen werden, doch im Kleinsten enthalten sein" (Hölderlin). Andere Beispiele sind sogenannte „göttliche Attribute" wie Unendlichkeit, Allmacht, Zeitlosigkeit, Raumlosigkeit, Allgegenwart, Allwissenheit.

Holografische Dialektik

„Ich möchte daher Bohms Gedanken der ‚impliziten Ordnung’ - in Anschluss an seine eigenen Vergleiche mit der Holografie - als eine holografische Dialektik kennzeichnen. ‚Holografie’ steht hierbei für natürliche oder künstliche Implizitheitstechniken" wie die bekannten optischen Hologramme.

Dialektik zwischen unsichtbarer, eingefalteter (impliziter) Ordnung und manifester, entfalteter (expliziter) Ordnung der Materie (nach David Bohm).

Ich

Eines der vier Sinnelemente. Das Ich steht für Subjektivität und die personale Dimension des Selbstbezugs. Es bezeichnet das aktive Zentrum des impliziten Selbstbewusstseins, das sich durch dialektische Subsumtion in alle anderen Bereiche einfaltet.

Die Aufhebung des Ich in der Spiritualität bedeutet nicht dessen Vernichtung, sondern seine dreifache Verwandlung: Überwindung des Eigensinns, Bewahrung seiner Aktivitätsfunktion, Erhebung zu reiner Rezeptivität.

Implizite Reflexion

Implizite Reflexion als DAS Wesen des Selbstbewusstseins. Selbstbewusstsein ist impliziter (nicht objektivierter) Selbstbezug. Wenn wir darüber sprechen, kommen wir sozusagen zu spät und explizieren in nachträglicher objektivierender Reflexion etwas im Nachhinein, was seinem Wesen nach gerade nicht Objekt ist.

Dies ist der grundlegende Vollzug, aus dem alle anderen Reflexionsformen entspringen.

Integration durch Differenzierung

Nicht ein undialektischer Integralismus schafft Einheit und Ganzheit, sondern das geordnete dialektische Zusammenspiel der wohl unterschiedenen Reflexionsebenen des Sozialen. Ein Prinzip von psychologischer und weltgeschichtlich-sozialer Bedeutung im Hinblick auf die häufige Nicht-Differenzierung von Rasse (Abstammung), Religion, Kultur, politische Rechtsordnung und Wirtschaft.

Die Einheit einer Gesellschaft entsteht nicht durch Integralismus, sondern durch das differenzierte dialektische Zusammenspiel der Reflexionsebenen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Grundwerte).

Interpenetration

Die dialektische Durchdringung von Komponenten, besonders von Körper, Seele und Geist. Die wechselseitige, dialektische Durchdringung der Prinzipien: Körper (Außer-sich-sein), Seele (Bei-sich-sein) und Geist (Selbsttranszendenz).

Kommunikation

Wir können die Freiheit, die Erwartungen und Wünsche der anderen ebenso ernstnehmen wie unsere eigenen und darauf kommunikativ eingehen, wie z.B. in der Freundschaft. Eine solche Beziehung ist gegenseitig-doppelt-reflektiert.

Musterbeispiel Blick: Ich blicke den Anderen an, sofern dieser mich als ihn Erblickenden anblickt (doppelt reflektierte Reziprozität); ich lasse mich auf eine kommunikative (nicht bloß strategisch interessierte) Gegenseitigkeit ein.

Körperlogik

Die ontologische Betrachtungsweise der körperlichen Natur, sofern sie strukturell vorzüglich, doch nicht ausschließlich, durch Mathematik geprägt ist, im Unterschied zur Reflexionslogik des Seelischen und zur Geistlogik.

Medialität

Medialität als vorzüglicher Bezug aufs Sinnmedium. Gegenläufigkeits-Dialektik von Setzung und Voraussetzung des Mediums von den Subjekten her.

Eines der vier Sinnelemente, das für die transpersonale Dimension steht und das umfassende Sinnmedium bezeichnet, in dem sich alle konkreten Bedeutungen differenzieren.

Medium

Das Sinnmedium ist der unendliche Sinnraum, in dem sich alle konkreten Bedeutungen differenzieren. Das Ich partizipiert am unendlichen Medium des Sinns und erfasst sich darin in seiner dialogischen Endlichkeit und zugleich in seiner Fähigkeit zum Unendlichen.

Das Medium steht in Gegenläufigkeits-Dialektik: Es ist Setzung durch die Subjekte und zugleich Voraussetzung ihrer Fähigkeiten. Es wurde in Weiterentwicklung des buberschen Zwischen von Ich und Du entwickelt.

Metakommunikation

Sie ist mehr als Reden über Reden = ausdrücklich-rationale Metakommunikation. Als gelebte (performative, ontologische) bedeutet Metakommunikation das praktische Sicheinlassen auf Erkenntnisse und Werte des Miteinanders.

Metakommunikation (Intentionalitätsstufe 4) besagt nicht primär Reden über Reden (ausdrückliche Metakommunikation), sondern implizite Reflexion der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie ist normsetzend und voraussetzungsvoll.

Metasprache

Im linguistischen Sinne ist die Unterscheidung einer linguistischen Untersuchungssprache über Objektsprachen. Im Sinne der reflexionstheoretischen Semiotik bedeutet sie künstlerische Sprache, die normale Alltagssprache innerlich voraussetzt.

Paradox

Unerwartete Gegenläufigkeit von Wirkungen. Der Begriff ist keineswegs identisch mit dem der Dialektik, mit dem er oft verwechselt wird. Doch beide können zusammengehen zu einer paradoxen oder paradoxalen Dialektik, und dies ist im Bereich des Handelns vielfach der Fall.

Reflexionslogik

Reflexionslogik heißt zuerst: ernstnehmen, dass der spezifische Hauptgegenstand der Philosophie - im Unterschied zu allen Objekt-Wissenschaften - selbstbezügliche Verhältnisse sind, wie sie exemplarisch und ursprünglich mit dem ‚Wunder’ des menschlichen Selbstbewusstseins gegeben sind.

Die „Formalisierung" mehrwertig-logischer Verhältnisse, die auf Selbstbezüglichkeit beruhen, ist nicht möglich im formallogischen Sinne eines rechnerischen Algorithmus, wohl aber im Sinne einer Typologie und Strukturbeschreibung der dialektischen Verhältnisse.

Selbstbezüglichkeit

Die fundamentale Struktur des Bewusstseins als Selbstbezug-im-Fremdbezug. Selbstbezüglichkeit ist das Grundphänomen, aus dem sich das System der vier Sinnelemente und die dialektische Subsumtion ergeben.

Seelenlogik

Die Seele ist das Individuelle, im Gegensatz zum Universalen. Beide als „Mind" zusammenzufassen und „Matter" gegenüberzustellen, ist die Quelle vieler Irrtümer. Seele ist, als menschliche, durch vollständige implizite Selbstreflexion konstituiert, beim Tier durch unvollständige ontologische Selbstreflexion, wie sie Organismen eigen ist.

Semiotische Dimensionen der Sprache

Von Charles W. Morris erstmals 1937 unter dieser Bezeichnung herausgestellte Grundfunktionen der Sprache. Im Sinne der Reflexionstheorie ergibt sich eine Vierheit von Sprachdimensionen in reflexionstheoretischer Reihenfolge:

  1. Sigmatische Zeichendimension
  2. Semantische Bedeutungsdimension
  3. Pragmatische Handlungsdimension
  4. Syntaktische Verbindungsdimension

Semiotische Ebenen

Die große, folgenreiche Sichtweise zum reflexionsgestuften Zusammenhang von Handlung, Sprache, Kunst Mystik kann in einer aufsteigenden Pyramide veranschaulicht werden:

Handlung → Sprache (Meta-Handlung) → Kunst (Meta-Sprache) → Mystik (Meta-Kunst).

Sinnelemente

Das System der vier Sinnelemente. Die dialektische Struktur von Selbstbezug-im-Fremdbezug entfaltet sich notwendig in einem System von vier grundlegenden Sinnelementen: Es, Ich, Du, Medium.

Diese sind nicht willkürlich gewählt oder allein empirisch vorgefunden, sondern ergeben sich aus der reflexiven Struktur des Selbstbewusstseins selbst.

Sinnmedium

Das Sinnmedium ist der unendliche Sinnraum, in dem sich alle konkreten Bedeutungen differenzieren. Das Ich partizipiert am unendlichen Medium des Sinns und erfasst sich darin in seiner dialogischen Endlichkeit und zugleich in seiner Fähigkeit zum Unendlichen. Dies ist die umfassendste Form des Selbstbezugs-im-Fremdbezug.

Soziale Reflexion

Ein seit 1975/6 neu eingeführter Begriff. Vor aller Stufenlogik des interpersonalen Bezugs muss erfasst werden, dass Sozialität grundsätzlich aus reziproken Reflexions-Beziehungen besteht.

Die Stufen der intersubjektiven Beziehung, der sozialen Reflexion:

  1. Unreflektiert-objektives Verhältnis oder instrumentelles Handeln
  2. Einseitig-einfache Reflexion oder strategisches Handeln
  3. Gegenläufig-doppelte Reflexion: kommunikative Gegenseitigkeit
  4. Reflexion der vorhergehenden Gegenseitigkeit: Metakommunikation

Theorie-Praxis-Dialektik

Die Dialektik von Theorie und Praxis manifestiert sich besonders in der konkreten Teilhabe der Menschen an den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen. Die Theorie erwächst aus dieser Teilhabe und wirkt auf sie zurück - ein Prozess, der sich sowohl in der wirtschaftlichen Produktion und Konsumption, in der politischen Partizipation, in der kulturellen Schöpfung als auch in der ethisch-religiösen Praxis zeigt.

Umkehrdialektik

Naturdialektik als ‚relativistische’ (an die Einstein-Formel anknüpfende) Umkehrdialektik von Ideellem (Zahlen) und Materiellem (nach Peter Plichta). Raum als Inbegriff der Objektivierung und dialektische Umkehr von eingefalteter Masse. Zeit als dialektische Umkehr von Energie.

Unbewusstes

Es gibt kein menschliches Bewusstsein ohne Unbewusstes in mehrfacher, im Prinzip dreifacher Bedeutung:

  1. Das physische Unterbewusste
  2. Das seelische Unbewusste als implizites Bewusstsein, von Freud Vorbewusstes genannt
  3. Das geistige Überbewusste, das sich nicht zuletzt als „kollektives Unbewusstes" (C.G Jung) manifestiert

Universalsprache

Es besteht eine wenig erkannte, doch unlösbare Dialektik von genotypischer Universalsprache und phänotypischen Muttersprachen, auch allgemeiner von Genotyp und Phänotyp. Auch hier besagt ‚Dialektik’ nicht Widersprüchlichkeit, sondern Zusammengehörigkeit von Gegensätzlichem, in diesem Fall von universalen Strukturen und lokalem Gebrauch von diesen.

Zwischen

Ein vom Dialogphilosophen Martin Buber in seinem Hauptwerk „Ich und Du" eingeführter Terminus, der besagt, dass der gemeinsame Sinn wie auch die Liebe weder dem Ich noch dem Du allein anhaftet. Das Sinnmedium stellt eine transzendentalphilosophische Verallgemeinerung des dialogischen Zwischen dar.


Die Kapitelverweise beziehen sich auf die Hauptstellen der Behandlung in „Dialektik als Reflexionslogik" (2025). Die Begriffe tauchen oft auch in anderen Kapiteln auf.

Weiterführende Ressourcen: