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Die semiotische Ebene der Kunst

Nach Johannes Heinrichs’ reflexionstheoretischer Semiotik bilden Handlung, Sprache, Kunst und Mystik die vier großen Reflexionsebenen menschlicher Sinnprozesse. Diese Ebenen stehen in einem hierarchischen Voraussetzungsverhältnis: Jede höhere Ebene reflektiert die vorhergehende und setzt sie innerlich voraus.

“Die These lautet, daß sich Kunst (ganz allgemein) analog zur Sprache verhält wie die Sprache zum Handeln. Wie die Sprache als Meta-Handeln, so soll die Kunst als Meta-Sprache analysiert werden.”

Dabei handelt es sich nicht um die übliche Auffassung der Metasprache als nachträgliches Besprechen einer Objektsprache, sondern um eine “übersprachliche Reflexionsstruktur” im Vollzug des künstlerischen Schaffens selbst.

Kunst als “Ausdruck von Ausdruck”

Die zentrale Bestimmung der Kunst liegt in ihrer reflexiv gesteigerten Ausdrucksstruktur. Heinrichs charakterisiert Kunst als “Ausdruck von Ausdruck” - eine qualitative Intensivierung des Ausdruckshandelns:

“Wie Sprache die durch autoreferentielle Metazeichen geschehende Selbstreflexion des Handelns qua Zeichenhandeln darstellt, so kann Kunst verstanden werden als Selbstreflexion und Selbstregulierung des Handelns qua Ausdruckshandeln überhaupt.”

In der Kunst wird die Form-Inhalt-Beziehung selbst thematisch. Das Künstlerische liegt nicht primär in der Fiktion oder im Schönen, sondern in der Sinngenerierung durch Form. Die “Abstraktheit der Sprache” wird “durch Überbietung wieder aufgehoben” - die Kunst erreicht paradoxerweise durch höhere Reflektiertheit eine “größere Konkretheit.”

Die vier Hauptgattungen der Kunst

Entsprechend den Medien des Ausdrucks und analog zu den vier Sinnelementen unterscheidet Heinrichs vier fundamentale Kunstgattungen:

1. Bildende Künste (Objektgestaltung)

Die bildenden Künste verwenden unbewegten Objekte als primäres Ausdrucksmedium. Sie entsprechen dem objektbezogenen Handeln und umfassen:

  • Zeichnen und Malerei: Zweidimensionale Gestaltung
  • Bildhauerei: Dreidimensionale Objektgestaltung
  • Architektur: Gestaltung von Räumen und Gebäuden
  • Gartenkunst: Gestaltung natürlicher Räume

Diese Künste schaffen physisch-objektive Gebilde, die als Träger künstlerischen Ausdrucks fungieren. Die Objektgestaltung wird dabei selbst zum Medium einer höheren Reflexion.

2. Darstellende Künste (Bewegung als Medium)

Die darstellenden Künste nutzen Bewegung als primäres Ausdrucksmedium. Sie entsprechen dem innersubjektiven Handeln und der Subjektbewegung:

  • Tanz: Reine Bewegungskunst
  • Pantomimik: Gestische Darstellung ohne Sprache
  • Szenische Darstellungen: Theater und Performance
  • Bewegungstheater: Synthese verschiedener Bewegungsformen

Hier wird der menschliche Körper selbst zum künstlerischen Medium, wobei die Bewegung über ihre praktische Funktion hinaus zum reflexiven Ausdruck wird.

3. Sprachkunst/Dichtung

Die Dichtung verwendet die Sprache selbst als künstlerisches Material. Sie wird dabei qualitativ gesteigert und in ihrer Materialität thematisch. Heinrichs entwickelt eine neue Gattungstheorie der Dichtung, die den vier Sprachdimensionen entspricht:

  • Literarische Sachtexte (sigmatische Dichtung): Lehrgedicht, Essay, Tagebuch, Aphorismus
  • Epik (semantische Dichtung): Vorstellungswelt des Autors
  • Dramatik (pragmatische Dichtung): Darstellung von Handlungen und Sprachhandlungen
  • Lyrik (syntaktische Dichtung): Kultivierung der Sprachsyntax

Jede dieser Hauptformen gliedert sich wiederum in vier Unterarten gemäß der dialektischen Subsumtion.

4. Musik

Die Musik löst sich von semantischen Bedeutungen und gestaltet das unsichtbare Medium zwischenmenschlicher Kommunikation. Sie entspricht dem medialen Aspekt der Sinnelemente:

“Die Musik erhält eine besondere Position als ‘übersprachlichste’ Kunstform, die bereits auf die Dimension des Schweigens verweist, die in der Mystik zentral wird.”

Musik gestaltet nicht mehr an semantische Bedeutungen gebundene Tonbeziehungen und erreicht damit die höchste Stufe künstlerischer Abstraktion innerhalb der Kunstformen.

Die semiotischen Dimensionen in der Kunst

Am Beispiel von Edward Kienholz’ Environment “Das tragbare Kriegerdenkmal” zeigt Heinrichs, wie in moderner Kunst alle semiotischen Dimensionen ins Spiel gebracht werden:

  1. Sigmatische Dimension: Die materiellen Zeichen und ihre Wahrnehmbarkeit
  2. Semantische Dimension: Die Bedeutungsebene der verwendeten Symbole
  3. Pragmatische Dimension: Die Handlungsaufforderungen an den Betrachter
  4. Syntaktische Dimension: Die Verbindung und Strukturierung aller Elemente

Das Werk spielt bewusst mit Ebenenüberschreitungen: Flächige und räumliche Darstellungen werden gemischt, der Betrachter wird zum Akteur, wenn er sich an einen Tisch setzt oder Cola kauft. Diese “integrative Realismus” reflektiert das Ganze menschlich vollzogenen Sinns.

Die Reflexionsstruktur der Kunst

Die Innovation in Heinrichs’ Kunsttheorie liegt in der Bestimmung des Spezifikums der Kunst: ihre höhere Reflexionsstruktur. Während semiotische Kunsttheorien nicht neu sind, erreichen sie nicht die systematische Tiefe seiner Konzeption.

In der Kunst findet eine doppelte Reflexion statt:

  • Die erste Reflexion geschieht bereits im Zeichenhandeln, das anderes Zeichenhandeln regelt (Metazeichengebrauch)
  • Die zweite, spezifisch künstlerische Reflexion hebt den Ausdruck selbst auf eine höhere Ebene

Diese Reflexionsstruktur unterscheidet künstlerisches Schaffen grundlegend von bloßem Ausdruckshandeln oder handwerklicher Gestaltung.

Kunst und die anderen semiotischen Ebenen

Verhältnis zur Sprache

Während Sprache ein Zeichenhandeln ist, “das sich im Handlungsvollzug durch die gleichzeitige Verwendung von syntaktischen Metazeichen selbst regelt”, geht Kunst noch einen Schritt weiter. Sie macht die sprachliche Selbstregelung selbst zum Gegenstand einer höheren Reflexion.

Verhältnis zur Mystik

Die Kunst bereitet bereits den Übergang zur vierten semiotischen Ebene vor. Besonders in der Musik zeigt sich die Tendenz zur Aufhebung der Einseitigkeit des Handelns, die in der Mystik vollständig wird:

“Auf der semiotischen Ebene der Mystik wird die Ermöglichungsdimension aller Sinnvollzüge thematisch.”

Integration der Ebenen

Moderne Kunst thematisiert zunehmend das Verhältnis der semiotischen Ebenen selbst. Sie reflektiert nicht nur die Sprache, sondern auch ihre eigene Position im Gefüge von Handlung, Sprache, Kunst und Mystik.

Zusammenfassung

Die Kunsttheorie der Reflexiven Philosophie versteht Kunst als dritte semiotische Ebene, die durch ihre Meta-Sprachlichkeit gekennzeichnet ist. Die vier Hauptgattungen - Bildende Künste, Darstellende Künste, Dichtung und Musik - entsprechen den vier Sinnelementen und gliedern sich jeweils weiter nach dem Prinzip der dialektischen Subsumtion.

Das Spezifikum der Kunst liegt nicht in Schönheit oder Fiktion, sondern in ihrer reflexiv gesteigerten Ausdrucksstruktur. Als “Ausdruck von Ausdruck” erreicht sie eine höhere Konkretheit durch gesteigerte Reflexivität und bereitet den Übergang zur mystischen Ebene vor, wo die Gegenläufigkeit von Subjekt und Sinnmedium vollständig wird.


Weiterführende Literatur

Alle genannten Werke sind bei Reflexivity Press erhältlich.